Wir haben schon geklärt, wie man sich relativ schnell und effektiv einen Überblick über Wortbildungsbedeutungen verschaffen kann. Im besten Fall hat sich jeder schon seine Liste mit Wortbildungsbedeutungen zu Substantiven, Adjektiven und Verben erstellt und vor sich liegen. Nur: Was fängt man mit den ganzen Bezeichnungen an? Gerade bei den Verben sind Wortbildungsbedeutungen wie applikativ, inchoativ, kausativ, perfektiv u.v.m. nicht selbsterklärend und verwirren deswegen vielleicht zunächst.

Aus diesen Gründen werde ich hier zunächst zeigen, wie man die Bezeichnungen für Wortbildungsbedeutungen bei Verben mit Inhalt füllt, und zum Abschluss noch ein paar allgemeine Tipps geben.

In jeder Wortbildungslehre finden sich Umschreibungen für die Wortbildungsbezeichnungen oder Musterparaphrasen dazu. In Barz 2016 sieht eine Umschreibung z.B. so aus: „Bezeichnet [wird] das Eintreten eines Geschehens (ingressive Verben): entbrennen“ (Barz 2016: 706).  Das bedeutet, dass bei ingressiven Verben üblicherweise Verben wie anfangen oder beginnen in der Paraphrase vorkommen: ‚Entbrennen bedeutet anfangen zu brennen.‘ Teilweise werden Musterparaphrasen angegeben: Z.B. „›etw.Akk mit [Substantiv] ausstatten, versehen‹ (ornative Verben, transitiv): beflaggen […]“ (Barz 2016: 707). Mit Hilfe dieses Musters ist es ganz einfach, die richtige Paraphrase zu bilden: ‚Etwas zu beflaggen bedeutet, etwas mit einer Flagge auszustatten.‘

Die eigene Liste mit Wortbildungsbedeutungen kann man also nach und nach um solche Musterparaphrasen ergänzen. Die Wortbildungsbedeutung ingressiv z.B. um ›anfangen zu [Basisverb]‹ oder applikativ um ›etw.Akk mit [Substantiv] ausstatten‹. Mit etwas Glück findet man die Musterparaphrasen wörtlich in der verwendeten Wortbildungslehre oder man muss die Umschreibung für die Wortbildungsbedeutung in eine Musterparaphrase umwandeln.

Und wie geht man dann konkret vor? Dazu zum Abschluss noch die Tipps aus der Praxis:

  • Gerade bei deverbalen Verben, sollte ihr euch als erstes fragen, worin der Bedeutungsunterschied zwischen dem Basisverb und der Wortbildung liegt. Worin liegt z.B. der Unterschied zwischen blicken und erblicken oder zwischen fahren und anfahren oder zwischen rechnen und verrechnen? Wenn ihr euch darüber klargeworden seid, fasst ihr den Unterschied in einer Paraphrase. Im nächsten Schritt findet ihr aus der konkreten Paraphrase die passende Bezeichnung für die Wortbildungsbedeutung.
  • Dabei dürft ihr nie den Kontext außer Acht lassen. AnfahrenB. hat ganz unterschiedliche Bedeutungen und daraus resultierend verschiedene Paraphrasen: Er hat das Auto beim Parken angefahren. – Er fährt an der Ampel mit quietschenden Reifen an.
  • Verliert euch nicht zu sehr in den Nuancen der Wortbildungsbedeutungen. Die Wortbildungsbedeutung lokalB. gibt es in unterschiedlichsten räumlichen Ausrichtungen (nach oben, in etw. hinein, auf die Oberfläche, darunter, zu Boden, Reihenfolge etc.). Im Allgemeinen genügt lokal.
  • Wortbildungen können auch mehr als eine Wortbildungsbedeutung haben. So hat z.B. erfreuen grundsätzlich eine egressive Wortbildungsbedeutung. Dazu kommt jedoch auch eine Komponente intensiv (vgl. Fleischer/Barz 2012: 387).
    Für alle Tipps gilt: Macht zunächst eine passende Paraphrase, die den Kontext berücksichtig, und wählt davon ausgehend die entsprechende Wortbildungsbedeutung.

Dann viel Freude beim Üben! ihr werdet merken, dass ihr euch mit der Zeit die Paraphrasen und die Wortbildungsbedeutungen immer besser einprägt. Ich freue mich auf eure Anregungen, falls ihr noch Fragen zu konkreten Wortbildungsbedeutungen bei den Verben habt.

Literatur:

Barz, Irmhild (2016): Die Wortbildung. In: Wöllstein, Angelika (Hrsg.): Duden. Die Grammatik. Unentbehrlich für richtiges Deutsch. 9., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. Berlin: Dudenverlag, S. 644-774.

Fleischer, Wolfgang/Barz Irmhild (2012): Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache. 4., völlig neu bearbeitete Auflage. Berlin: de Gruyter.

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