Substantive werden dekliniert, d.h., sie flektieren nach Kasus, Numerus und Genus. Genus und Numerus eines Substantivs sind in der Regel leicht zu ermitteln: Das Genus erkennt man am zu verwendenden Artikelwort bei der Grundform (Nominativ Singular) des jeweiligen Substantivs (der Mann = Maskulinum; die Frau = Femininum; das Kind = Neutrum), in welchem Numerus (Singular oder Plural) ein Substantiv steht, lässt sich leicht aus dem Kontext ermitteln. Die Bestimmung des Kasus ist oft problematischer. Welche Möglichkeiten gibt es, den Kasus eines Substantivs zu bestimmen?

Einerseits können die vier Kasus (Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ) anhand der Form des Artikelworts (oder anhand der Form eines vorangestellten, stark flektierten Adjektivs) bestimmt werden. Schauen wir uns dazu zunächst die Formen des bestimmten und des unbestimmten Artikels in den verschiedenen Kasus an, jeweils getrennt nach Genus und Numerus (im Plural gibt es keinen Unterschied in der Artikelform der drei Genera, außerdem gibt es keine Pluralformen des unbestimmten Artikels):

  Maskulinum Singular Femininum Singular Neutrum Singular Plural (alle Genera)
Nominativ der/ein Mann die/eine Frau das/ein Kind die Männer/Frauen/Kinder
Genitiv des/eines Mannes der/einer Frau des/eines Kindes der Männer/Frauen/Kinder
Dativ dem/einem Mann der/einer Frau dem/einem Kind den Männern/Frauen/Kindern
Akkusativ den/einen Mann die/eine Frau das/ein Kind die Männer/Frauen/Kinder

Wie in der Tabelle zu sehen, sind einige Artikelformen homonym, z.B. kann der bestimmte Artikel der bei Feminina im Singular sowohl Genitiv als auch Dativ sein, der unbestimmte Artikel ein kann bei Neutra sowohl Nominativ als auch Akkusativ sein. Daneben gibt es aber auch Artikelformen, die den Kasus – je nach Genus und Numerus – eindeutig anzeigen: Bei Maskulina zeigen die Artikel im Singular den Kasus eindeutig an: der ist bei Maskulina immer Nominativ, des Genitiv, dem Dativ und den Akkusativ, Gleiches gilt für den unbestimmten Artikel bei Maskulina im Singular. Die eindeutigen Artikelformen – jeweils bezogen auf Genus und Numerus – sind in der Tabelle fett markiert.

In folgendem Satz können die Kasus der im Satz enthaltenen Substantive also allein anhand der Form der Artikelwörter ermittelt werden:

Der alte Willi gibt seinem Freund einen Rat.

  • Der alte Willi: Willi ist ein Maskulinum, die Artikelform der markiert eindeutig den Nominativ.
  • seinem Freund: Freund ist ebenfalls ein Maskulinum, die Endung -em am Possessivpronomen seinem zeigt eindeutig den Dativ an.
  • einen Rat: Rat ist ein weiteres Maskulinum, die Artikelform einen markiert eindeutig den Akkusativ.

Was tun, wenn der Kasus eines Substantivs nicht durch das Artikelwort oder ein vorangestelltes, stark flektiertes Adjektiv ermittelt werden kann? Hier kann ein Test verwendet werden, den die meisten noch aus der Schule kennen: Kasus können erfragt werden. Mit welchen Formen der Interrogativpronomen wer und was werden die einzelnen Kasus erfragt?

  • Nominativ: wer oder was?
  • Genitiv: wessen?
  • Dativ: wem?
  • Akkusativ: wen oder was?

Achtet darauf, die Fragen genau so zu stellen, wie sie hier angegeben sind: Fragt also mit Wer oder was? nach dem Nominativ, mit Wen oder was? nach dem Akkusativ. Alleine mit Was? zu fragen, reicht nicht aus, da mit Was? sowohl der Nominativ als auch der Akkusativ erfragt werden kann.

Durch Erfragen können die Kasus der Substantive in folgendem Satz ermittelt werden:

Die Mutter von Inge leiht ihrer Freundin ein Buch.

  • Wer oder was leiht ihrer Freundin ein Buch? Die Mutter von Inge (leiht ihrer Freundin ein Buch). à Mutter steht im Nominativ.
  • Die Mutter von wem leiht ihrer Freundin ein Buch? (Die Mutter) von Inge (leiht ihrer Freundin ein Buch). à Inge steht im Dativ.
  • Wem leiht die Mutter von Inge ein Buch? Ihrer Freundin (leiht die Mutter von Inge ein Buch). à Freundin steht ebenfalls im Dativ.
  • Wen oder was leiht die Mutter von Inge ihrer Freundin? Ein Buch (leiht die Mutter von Inge ihrer Freundin). à Buch steht im Akkusativ.

Wie am Beispiel die Mutter von Inge zu sehen ist, können durch Erfragen auch Kasus ermittelt werden, die von Präpositionen gefordert werden. Ebenso können die Kasus von z.B. Genitiv- (Willis Vater: Wessen Vater? Willis (Vater).) oder Dativattributen (Willi ist seinem Vater ähnlich.: Wem ist Willi ähnlich? Seinem Vater (ist Willi ähnlich).) erfragt werden. Stück für Stück kann mithilfe der Fragetechnik also der Kasus jedes einzelnen Substantivs in einem gegebenen Satz erfragt werden.

Mit der Kombination aus beiden Techniken (Bestimmung des Kasus über Artikelwörter bzw. vorangestellte, stark flektierte Adjektive und Erfragen) sollte die Kasusbestimmung kein Problem mehr darstellen. Am besten, ihr nehmt euch direkt einen Satz vor und probiert es aus. Falls ihr Fragen oder Anregungen habt, würden wir uns wie immer sehr über einen Kommentar freuen.

Literatur:

Zu den Flexionsformen des bestimmten/unbestimmten Artikels: Gallmann, Peter (2016): Die flektierbaren Wortarten. In: Wöllstein, Angelika (Hrsg.): Duden. Die Grammatik. Unentbehrlich für richtiges Deutsch. 9., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. Berlin: Dudenverlag, S.292 f. und S. 335 ff.

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